{"id":456,"date":"2012-06-28T14:36:59","date_gmt":"2012-06-28T12:36:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.iq-consult.com\/enterability\/blog\/?p=456"},"modified":"2012-06-28T14:38:16","modified_gmt":"2012-06-28T12:38:16","slug":"existenzgrundungsunterstutzung-fur-menschen-mit-schwerbehinderung-im-bundesweiten-vergleich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.enterability.de\/?p=456","title":{"rendered":"Existenzgr\u00fcndungsunterst\u00fctzung f\u00fcr Menschen mit Schwerbehinderung im bundesweiten Vergleich"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Wo gibt es \u00c4hnlichkeiten, was sind die Unterschiede?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eenterability sollte es bundesweit geben!\u201c lautet ein Kommentar bei \u00a0der aktuellen Gr\u00fcnder\/innenbefragung. Immer wieder bekommt das enterability-Team Anfragen, ob es das Projekt oder \u00e4hnliche Projekte auch in anderen Bundesl\u00e4ndern gibt. Bis auf Sachsen-Anhalt ist das restliche Bundesgebiet jedoch \u201eenterability-freie Zone\u201c.\u00a0 Vergleichbare Beratungsstellen gibt es momentan nicht &#8211; \u00e4hnliche Projkete gab es \u00fcber eine kurze Zeitspanne im Rahmen des europ\u00e4ischen Equal-Projekts mit \u201eGo! unlimited\u201c in Nordrhein-Westfalen und \u201eem.power\u201c in Rheinland-Pfalz. \u00a0Welche Angebote von Seiten der einzelnen L\u00e4nder<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Menschen mit Schwerbehinderung, die eine Existenz gr\u00fcnden wollen, aktuell gemacht werden, haben wir in Telefoninterviews erfragt.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Wer ist zust\u00e4ndig?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal ist es gar nicht so leicht herauszufinden, welche die zust\u00e4ndige Stelle ist, an die sich Existenzgr\u00fcnder\/innen mit Schwerbehinderung wenden m\u00fcssen, um entsprechende unterst\u00fctzende Leistungen zu erhalten. Die Integrations\u00e4mter hei\u00dfen formal nicht \u00fcberall so, sind teilweise an das Landesamt f\u00fcr Soziales, Jugend und Familie angesiedelt, teilweise an einen Kommunalverband oder an spezifische Versorgungsstellen, wie beispielsweise die \u00d6rtlichen F\u00fcrsorgestellen in Nordrhein-Westfalen. Doch meist gelangt man nach wenigen Minuten in der Warteschleife mit Fahrstuhlmusik an eine Person, die Auskunft geben kann.<\/p>\n<p><strong>Welche unterst\u00fctzenden Ma\u00dfnahmen gibt es?<\/strong><\/p>\n<p>Ist man dann bei dem\/der Beauftragten gelandet, die f\u00fcr Existenzgr\u00fcndungen mit Schwerbehinderung zust\u00e4ndig ist, kann man alles fragen, was einem so unter den N\u00e4geln brennt. Insbesondere wird man in erster Linie \u00fcber die unterst\u00fctzenden Leistungen aufgekl\u00e4rt, wie Darlehen, Zinszusch\u00fcsse, technische Hilfsmittel, usw. Fragt man jedoch nach spezifischer wirtschaftlicher Beratung, wird man gemeinhin an die IHK oder die Handwerkskammer weitergeleitet. In Bremen vermittelt das Amt f\u00fcr Menschen mit Behinderung die Antragsteller\/innen bei Bedarf an bestimmte Unternehmensberatungen. Die Kosten f\u00fcr solch eine Beratung werden jedoch nicht \u00fcbernommen. In Sachsen wird in Bezug auf wirtschaftliche Beratung an die Haus- bzw. Investitionsbank verwiesen. In wenigen F\u00e4llen, wie dem Saarland, wird noch vor einem schriftlichen Antrag ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Gesch\u00e4ftsidee und zur Person des\/der Gr\u00fcnder\/in gef\u00fchrt. Auf diese Weise soll schon mal abgetastet werden, ob gewisse unabdingbare Voraussetzungen \u00fcberhaupt erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen, wie z.B. ob eine Unternehmerpers\u00f6nlichkeit vorhanden ist, wie der Gesundheitszustand aussieht, welche fachliche Kenntnis der\/die Antragsteller\/in besitzt, usw. Die Mitarbeiter\/innen verstehen sich nicht als Beratungs- sondern vielmehr als Informationsstelle f\u00fcr Selbst\u00e4ndige, d.h. wer Beratung braucht, muss sich diese selbst besorgen. Einige vertreten auch die Meinung, dass Menschen die gr\u00fcnden m\u00f6chten und es auch k\u00f6nnen, gar keinen Beratungsbedarf haben. Ferner w\u00fcrden die Menschen mit einer Unternehmer\/innenpers\u00f6nlichkeit nicht vor b\u00fcrokratischen H\u00fcrden zur\u00fcckschrecken, die auf dem Weg in die Selbst\u00e4ndigkeit auftauchen.<\/p>\n<p><strong>Wie f\u00e4llt die finanzielle Unterst\u00fctzung aus?<\/strong><\/p>\n<p>Alle Integrations\u00e4mter k\u00f6nnen Darlehen und Zinszusch\u00fcsse f\u00fcr gesch\u00e4ftsbedingte Investitionen vergeben. Die H\u00f6he dieser obliegt jedoch den einzelnen Integrations\u00e4mtern in den L\u00e4ndern. Ein Gro\u00dfteil der befragten L\u00e4nder verlangt von den Antragsteller\/innen vorab eine finanzielle Sicherung, wie zum Beispiel eine Bankb\u00fcrgschaft oder eine Lebensversicherung (Berlin und Sachsen-Anhalt sind die Ausnahme). Darlehen und Zinssch\u00fcsse werden in der Regel nur nachrangig gew\u00e4hrt, um etwaige behinderungsbedingte Benachteiligungen \u201eauszub\u00fcgeln\u201c. In Mecklenburg-Vorpommern springt das Integrationsamt erst ein, wenn nachgewiesen werden konnte, dass weder Banken, Reha-Tr\u00e4ger oder Verwandte Kredite gew\u00e4hren konnten oder wollten. In Rheinland-Pfalz gibt es weder Darlehen noch Zinszusch\u00fcsse f\u00fcr Menschen mit Behinderung, die sich selbst\u00e4ndig machen wollen, da die Gelder ausschlie\u00dflich in Leistungen flie\u00dfen die behinderungsbedingte Nachteile in klassischen sozialversicherungspflichtigen Angestelltenverh\u00e4ltnissen ausgleichen sollen. Die potentiellen Gr\u00fcnder\/innen werden an die Investitions- und Strukturbank verwiesen, um dort ein Existenzgr\u00fcndungsdarlehen zu beantragen. Die H\u00f6he der Darlehen durch die Integrations\u00e4mter liegt im Schnitt bei 20.000\u20ac, dabei gew\u00e4hrt Sachsen mit 35.000\u20ac die h\u00f6chste Summe im Bundesvergleich, w\u00e4hrend Nordrhein-Westfalen und Berlin mit 15.000\u20ac das untere Ende des Spektrums abbilden. Bremen und Hamburg gew\u00e4hren ebenfalls bis zu 20.000\u20ac, diese Summe darf aber nur maximal 70% der Investitionskosten repr\u00e4sentieren. Eine Besonderheit in seiner Vorgehensweise stellt das Land Mecklenburg-Vorpommern dar: Hier wird die Gesch\u00e4ftsidee, nachdem eine fachkundige Stellungnahme bereits erstellt wurde, abschlie\u00dfend nochmals von einer externen Stelle (Gesellschaft f\u00fcr Struktur- und Arbeitsmarktentwicklung) auf die Tragf\u00e4higkeit gepr\u00fcft.<\/p>\n<p><strong>An welche Bedingungen sind die Leistungen gekn\u00fcpft?<\/strong><\/p>\n<p>Abgesehen von den pers\u00f6nlichen und fachlichen Voraussetzungen, verlangen die Integrations\u00e4mter einige Unterlagen und Nachweise, die nicht nur den Anspruch auf Unterst\u00fctzung beweisen sollen (wie z.B. der Schwerbehindertenausweis), sondern auch die Rentabilit\u00e4t des Unternehmens. Einige L\u00e4nder wie Bayern, Baden-W\u00fcrttemberg, Sachsen, Hamburg, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern verlangen von den potentiellen Gr\u00fcnder\/innen, ebenso wie hier in Berlin, einen Business- und Finanzplan. Darin soll die Gesch\u00e4ftsidee erkl\u00e4rt und das wirtschaftliche Potential der Idee begr\u00fcndet werden. In einigen L\u00e4ndern muss im Finanzplan die voraussichtliche Unternehmensentwicklung der n\u00e4chsten drei Jahre festgehalten werden, nur in Hamburg sind dies sogar f\u00fcnf Jahre. Bis auf Bremen fordern all die oben genannten L\u00e4nder auch Nachweise \u00fcber die Teilnahme an einem Existenzgr\u00fcndungsseminar. Fachkundige Stellungnahmen sind ebenfalls ein Muss. In Niedersachsen reicht beispielsweise ein Gutachten \u00fcber die Tragf\u00e4higkeit einer Gesch\u00e4ftsidee eines Steuerberaters aus, w\u00e4hrend in Mecklenburg-Vorpommern Gutachten von der IHK oder der Handwerkskammer ausgestellt werden m\u00fcssen. Dar\u00fcber hinaus verlangen Baden-W\u00fcrttemberg und Bayern im Zweifelsfall ein \u00e4rztliches Gutachten, das die Erwerbsf\u00e4higkeit und Belastbarkeit der Antragsteller\/innen best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Zwar haben Baden-W\u00fcrttemberg und Bayern besonders strenge Anforderungen an ihre Existenzgr\u00fcnder\/innen mit Schwerbehinderung, im Vergleich zu den andern L\u00e4ndern bieten sie allerdings einen online zug\u00e4nglichen und \u00fcbersichtlichen Leitfaden, in dem alle notwendigen Informationen und Anlaufstellen f\u00fcr die Existenzgr\u00fcnder\/innen aufgelistet sind.\u00a0 Darin wird anhand eines Musterbeispiels sogar expliziert, welche Eckdaten ein Business- und Finanzplan zu enthalten hat und vieles mehr.<\/p>\n<p><strong>Wenige Antr\u00e4ge, wenig Unterst\u00fctzung \u2013 oder aber wenig Unterst\u00fctzung, wenige Antr\u00e4ge?<\/strong><\/p>\n<p>Insgesamt beurteilten die befragten Sachbearbeiter\/innen das Interesse von Menschen mit Schwerbehinderung an einer selbstst\u00e4ndigen T\u00e4tigkeit als eher gering. Die Anzahl derer, die einen Antrag stellen, beschr\u00e4nkt sich im Schnitt auf eine Person pro Monat. H\u00f6chstens die H\u00e4lfte dieser Antr\u00e4ge wird bewilligt. Die Bewertung der Tragf\u00e4higkeit der Gesch\u00e4ftsideen durch die Sachbearbeiter\/innen fiel sehr unterschiedlich aus. Einige best\u00e4tigten, dass aufgrund der sorgf\u00e4ltigen Pr\u00fcfung im Vorfeld sich die Tragf\u00e4higkeit der Ideen wie prognostiziert entwickeln w\u00fcrde. \u201eZum Scheitern verurteilt\u201c seien die Gesch\u00e4ftsvorhaben dieser Menschen, konstatieren andere. Ein Sachbearbeiter sprach sogar davon, dass sich einige Selbst\u00e4ndige mit Schwerbehinderung aufgrund des geringen Einkommens mit der Selbst\u00e4ndigkeit in die Schicht der \u201eworking poor\u201c (Erwerbsarmut) katapultieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Einige der befragten Personen aus den Integrations\u00e4mtern erw\u00e4hnten, dass ein Projekt wie enterability sich in ihrem Bundesland aufgrund der geringen Zahl an Antragsteller\/innen und oftmals auch aufgrund der \u201eAussichtslosigkeit\u201c der Gesch\u00e4ftsideen nicht lohnen w\u00fcrde. Im Umkehrschluss dr\u00e4ngt sich jedoch die Frage auf, ob die geringe Zahl der Antr\u00e4ge nicht viel mehr auf die geringe Unterst\u00fctzung zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Vielleicht werden Gr\u00fcndungswillige in einigen Bundesl\u00e4ndern durch eine vermeintliche \u201egr\u00fcndungsfeindliche\u201c Einstellung der Sachbearbeiter\/innen in den Integrations\u00e4mtern abgeschreckt. Dieser Einstellung k\u00f6nnten eine verzerrte Informationen zugrunde liegen: Selbst in Berlin beantragen nur ca. 25 Prozent der behinderten Existenzgr\u00fcnder\/innen eine F\u00f6rderung beim Integrationsamt. Die anderen 75 Prozent gr\u00fcnden ohne F\u00f6rderung. Im Regelfall tauchen diese beim Integrationsamt als Gr\u00fcnder\/innen gar nicht in den Zahlen auf. Sie werden von den Mitarbeiter\/innen des Integrationsamtes daher nicht wahrgenommen, wodurch die Zahl der Menschen mit Behinderung, die sich selbstst\u00e4ndig machen, stark untersch\u00e4tzt wird. Das Argument also, dass die Fallzahlen zu gering f\u00fcr eine Beratung nach dem Vorbild von enterability seien, entspricht einem Fehlschluss, der wiederum der verengten Perspektive auf die Zahl der F\u00f6rderantr\u00e4ge geschuldet ist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich muss festgehalten werden, dass der Berliner Markt im Bundesvergleich auch f\u00fcr Menschen ohne Schwerbehinderung eine \u201eGr\u00fcndungsoase\u201c darstellt: Hier sind aufgrund der Gr\u00f6\u00dfe und Diversit\u00e4t der Stadt Gr\u00fcndungen m\u00f6glich, die in anderen Landesteilen undenkbar w\u00e4ren. Andererseits k\u00f6nnen regionale Spezifika auch Gr\u00fcndungsnischen bieten, die in Berlin nicht vorhanden sind.<\/p>\n<p>Damit sich Gr\u00fcnder\/innen mit Schwerbehinderung langfristig am Markt behaupten k\u00f6nnen und nicht in die Erwerbsarmut geraten, ist eine qualitativ hochwertige Vorbereitung notwendig \u2013 die nur durch eine Beratung\/ Qualifizierung sichergestellt werden kann, die den besonderen Bedingungen ihrer Schwerbehinderung gerecht wird. Wir wissen aus acht Jahren Praxis, wissenschaftlichen Studien und eigenen Befragungen, dass eine selbstst\u00e4ndige T\u00e4tigkeit eine wichtige Alternative zu einer abh\u00e4ngigen T\u00e4tigkeit und gar der Arbeitslosigkeit darstellt!<\/p>\n<div><br clear=\"all\" \/><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts lagen Angaben von folgenden Bundesl\u00e4ndern vor: Bayern, Baden-W\u00fcrttemberg, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Sachsen<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo gibt es \u00c4hnlichkeiten, was sind die Unterschiede? \u201eenterability sollte es bundesweit geben!\u201c lautet ein Kommentar bei \u00a0der aktuellen Gr\u00fcnder\/innenbefragung. 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