Carola Wolff (freie Autorin) schreibt über enterability

“Mein Name ist Carola Wolff. Ich bin 49 Jahre alt und im Jahr 2009 mit einer Bipolaren Affektiven Störung diagnostiziert worden, d.h. ich bin manisch-depressiv. Meine Emotionen fahren mit mir Achterbahn, von himmelhochkreischend bis zu Tode gequält, und ich sitze in meinem kleinen roten Achterbahnwagen, schön festgeschnallt, ohne Möglichkeit, auszusteigen, oder auch nur die Fahrt zu verlangsamen.

Nicht lustig.

Die Diagnose hat mir zwar so manchen Vorfall in meinem Leben erklärt, aber sie hat mich auch gehörig durcheinandergewirbelt. Ich landete für drei Wochen in der Psychiatrie, was mir damals das Leben gerettet hat und ich nehme bis heute Psychopharmaka, die mir erlauben, aus meiner Achterbahn auszusteigen und wenn überhaupt, höchstens mal mit dem Kinderkarussell zu fahren.

Dann verlor ich meinen Job als Buchhändlerin und musste komplett umdenken. Was nun?

Im Laden stehen, mit Kunden umgehen, war mir nicht mal mehr halbtags möglich. Und davon abgesehen, wer würde schon eine fast Fünfzigjährige mit einem Dachschaden einstellen?

Aber gab es da nicht etwas anderes? Etwas, das ich schon als Kind gerne getan hatte? Etwas, von dem ich schon immer gehofft hatte, es eines Tages zu meinem Beruf zu machen?

Ja: Schreiben.

Ich liebe das Lesen, ich liebe Bücher. Und ich liebe das Schreiben.

Ich hatte bereits Kurzgeschichten veröffentlicht und zwei Heftromane. Sogar eine Agentin hatte ich begeistern können, die mit meinem ersten Roman (der meine Erfahrungen mit meiner Krankheit behandelt) zu Verlagen unterwegs ist. Ich besuche regelmäßig Writers Coaching Kurse in der Humboldt-Bibliothek und arbeite bereits am nächsten Projekt. Aber nur vom Schreiben leben? Riskant. Ich rechnete ein bisschen herum (mein Arbeitgeber hatte eine kleine Abfindung ausgespuckt) und als ich erfuhr, dass das Arbeitsamt meine Pläne mit einem Gründungszuschuss unterstützen würde, wagte ich den Sprung.

Die Beraterin im Arbeitsamt war tatsächlich, unglaublicherweise, freundlich und zuvorkommend. Sie hörte sich meine Pläne an, ließ sich zeigen, was ich schon erreicht hatte in dieser Hinsicht und dann drückte sie mir einen Flyer in die Hand: Enterability.

„Die haben eine lange Wartezeit, aber wenn sie erst mal drin sind, helfen die ihnen bei allem!“

Ich musste etwas skeptisch geguckt haben, denn als Nächstes wurde mir versichert:

„Für sie natürlich völlig kostenfrei.“

Prima.

Also enterability. Ich hab übrigens mal nachgeschlagen: ‘to enter’ = eintreten, beitreten, hereinkommen. Und ‘ability’ = Fähigkeit, Können, Geschick.

Eintreten mit Geschick? Hereinkommen in meine eigenen Fähigkeiten? Meinem Können beitreten?

Komischerweise habe ich sofort an Johnny Depp gedacht. Von wegen Piraten und entern …Ich sah mich bereits als verwegene Piratenbraut! Würde ich einen echten Seelenverkäufer betreten und mit einer wilden Mannschaft die Businessweltmeere erobern?

Bei der Einführungsveranstaltung entpuppte sich die verwegene Mannschaft als müder, vorsichtiger Haufen. Wo wir zusammentrafen, gab es kein Schiff und keine Weltmeere, dafür einen Raum, dessen Fenster vergittert waren und der mich fatalerweise an Station 1 im Humboldtklinikum erinnerte. Der Leiter unserer Runde war auch nicht Johnny Depp, aber dafür gnadenlos ehrlich: Die Beratung schlösse eine Abberatung mit ein. Ich dachte an meinen unveröffentlichten Roman, und mein kleines Ein-Frau-Schiff leckte bereits.

An diesem Tag schlich ich nach Hause mit einem Umweg über die Bäckerei. Ich liebe Schweineohren, besonders die mit Schokolade.

Nach dem ersten Einzelgespräch mit meinem Coach sah die Welt schon wieder ein bisschen besser aus. Mir wurde klar, dass ich eine kompetente, geduldige Person an meiner Seite haben würde, die mir mit allem, auch und gerade mit Formularen und Papierkrieg, zur Seite stehen würde. Sehr erleichternd!

Und dann fingen die Seminare an.

Z.B. Buchhaltung für Existenzgründer: Grundlagen ordnungsgemäßer Buchführung, Einnahme-Überschuss-Rechnung, Umsatzsteuer, Einführung in EasyCash&Tax…puh! Ich fands so schön, ich habs gleich zweimal gemacht!

Oder Social Media, wo ich alles über twitter, facebook und Co. lernte, vor allem, wie man sie für seine Zwecke einsetzt.

Als nächstes ‘Planung und Einrichtung einer Internetseite’: Zweck und Aufgabe der Homepage, Kosten und Umfang. Domain und Provider etc.

Und dann natürlich noch Seminare in: Marketing, Recht, Steuern, Urheberrecht, Telefontraining …

Ich war keine Piratin, sondern eine Sekretärin geworden!

Aber wenigstens fühlte ich mich so langsam für alles gewappnet.

Das Einzige, was ich schade fand und immer noch finde ist, das nicht wirklich über unsere kleinen Problemchen gesprochen wird. Kaum ein Seminar, wo sich in der Vorstellungsrunde mal einer outet und sagt: Ich habe Aids. Ich habe MS. Ich habe Krebs. Meistens saß ich ganz alleine da mit meinem Dachschaden, und irgendwann habe ich dann auch nicht mehr davon gesprochen. Aber: wann und wo, wenn nicht hier? Meine Krankheit gehört nun mal zu mir, sie gehört zu meinem Leben. Sie hat mich hierher gebracht, wo ich jetzt stehe, und mich dazu veranlasst, mir meinen Lebenstraum zu erfüllen. Sie beeinflusst mein Handeln, sie beeinflusst die Art und Weise, wie ich mein Leben und meine Selbstständigkeit gestalte. Hier, genau hier, möchte ich auch darüber reden. Mich mit anderen darüber austauschen. Mut machen und uns gegenseitig auf unserem Weg unterstützen.

Enterability hat mich auf die praktische Seite des Selbstständigseins hervorragend vorbereitet. Die entsprechenden Seminare waren immer professionell aufgebaut, informativ gestaltet und manchmal haben sie sogar Spaß gemacht.

Am meisten profitiert habe ich persönlich jedoch von den Seminaren, die sich nicht mit den harten Fakten, sondern eher mit dem ganzen psychologischen Drumherum beschäftigten. Denn was nützt mir all mein Fachwissen, wenn ich mir am Ende selbst einen Strich durch die Rechnung mache? Weil ich Angst habe, es nicht zu schaffen, oder weil ich vielleicht gar nicht weiß, was ich wirklich will?

Zum Beispiel das Seminar zu Thema ‘Selbstmotivation’. Warum will mein Kopf nicht, was mein Bauch will, und umgekehrt? Wie kann ich erreichen, das beide sich mal einigen? Warum ist es so wichtig, auf den Bauch zu hören, und warum will meiner schon wieder Schweineohren mit Schokolade?

Ein absolutes Highlight war auch das Seminar ‘Unternehmerisches Denken’. Zum ersten Mal begriff ich, das sich in meiner armen kleinen Person Unternehmerin, Managerin und Fachkraft in einem befinden! Und das jede ausreichend beachtet werden muss?! Was sind meine Lebensziele, wo will ich hin? Geht es mir nur ums Geldverdienen, oder will ich mehr? Habe ich vielleicht gar eine Vision, die ich mit anderen Menschen teilen will? Gute Fragen.

Seit dem 1.10 bin ich ‘gegründet’, d.h. ich bin freie Schriftstellerin. Enterability hat mir bei meinem Businessplan geholfen, beim Antrag auf Gründungszuschuss, und wenn ich überlege, wie oft ich ratlos und heulend vor dem ganzen Papierkram saß, so kann ich die Geduld meines Coaches nur bewundern. Nun ging es um Versicherungen und ähnlich wichtige Dinge und ich begriff plötzlich, dass ich von nun an eine Solofliegerin sein würde. Ich stehe sozusagen am Rand einer Klippe. Hinter mir geregelte Arbeitszeiten und quengelige Chefs, aber auch bezahlter Urlaub und nette Kollegen. Vor mir eine weite, unerforschte Ebene, voller bunter Verlockungen und Gefahren. Schreiben im Café? Spiegelbestsellerliste? Hartz IV? Egal. Ich breite die Flügel aus. Das hier ist mein Flug. Das hier ist mein Ding.

Als ich meinen Coach fragte, wie lange ich noch kommen dürfe, da hieß es: solange ich will. Gut zu wissen. Wenn ich mal einen hilfreichen Aufwind brauche, ist enterability also da.

Ein kleines privates Netzwerk aus leicht beschädigten, aber unerschrockenen und immer humorvollen Mitstreitern hat sich ebenfalls gebildet. Ich habe hier bewundernswerte Menschen kennengelernt, die ich sehr schätze.

Wir schaffen das schon, getreu meinem neuen Lebensmotto, das ich mir aus dem Seminar ‘Unternehmerisches Denken’ geklaut habe:

Leben, lieben, lernen und ein Vermächtnis hinterlassen.”

Mehr über Carola Wolff unter www.carolawolff.de

 

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4 Antworten auf Carola Wolff (freie Autorin) schreibt über enterability

  1. Max sagt:

    Hallo Frau Wolff,
    Bin auf Seite 40 in Ihrem Buch “Mein erster Selbstmord” angekommen. Auch wenn ich meine eigenen Gedanken wie im Spiegel sehe und diese nicht immer leicht zu ertragen sind: Ich mag Ihre Art zu schreiben sehr und Ihr Buch berührt mich wie ein unverhofften Überraschungsgeschenk.
    Danke! :-))

  2. Pingback: Carola wolff | Sharpaxeconsul

  3. Pingback: Meine ersten fünfzig Jahre… « Carola Wolff

  4. Marcus Bittner sagt:

    Vielen Dank, Frau Wolff, für diesen tollen Artikel – unglaublich ehrlich und ermutigend. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihrer Gründung. Der Artikel macht natürlich auch Lust, mehr von Ihnen zu lesen.

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